24.01.2019 | Urbaner ländlicher Raum

Zu Fuß von Idstein nach Eschenhahn oder wie man Pendeln mit Humor nimmt

Matthias Wühle
Autor:
  • Matthias Wühle
(c) Adobe Stock / Kalinka Kalinka

Meiner Postanschrift zufolge bin ich Idsteiner (oder Idstaaner, wie man es hier korrekt schreibt). In Frankfurt geht man damit als irgendwas zwischen Schickimicki-Hochtaunus und Schickimicki-Wiesbaden durch. Meiner Schwester in Berlin musste ich Idstein buchstabieren.

Doch in Wirklichkeit ist meine Postanschrift eine administrative Lüge, die ich der großen hessischen Gebietsreform von 1971 zu verdanken habe. Denn laut Ortseingangsschild wohne ich in Eschenhahn im Idsteiner Land, etwa 3 km von der pittoresken Fachwerkstadt im entfernt. Eschenhahn muss man auch Frankfurtern buchstabieren.

Hier gibt es 750 Einwohner, sechs Straßen, eine Kirche, eine Kita, einen Briefkasten, einen Bäcker, eine Autowerkstatt, eine Ampel, einen Tennisplatz, eine Hundepension, einen Friedhof und eine Dorfkneipe, die 3 Mal die Woche geöffnet hat. Der Blick aus dem Fenster fällt auf bewaldete Hügel. Im Garten stehen schon mal Rehe, wenn sie mal wieder den niedrigen Zaun überwunden haben, um von meinen schwarzen Johannisbeeren zu naschen. Nachts hört man Käuze rufen wie in einem Edgar-Wallace-Film.

Nie wäre ich auf die Idee gekommen, meine Wiesbadener Vierzimmerwohnung, Stil-Altbau (Historizismus) am ersten Ring mit diesem Dorf zu tauschen. Fußläufig konnte ich Bahnhof, das Open-Air-Kino auf den Reisinger-Anlagen und ein Dutzend Kneipen erreichen. Staatstheater, Freibäder und Museen – nur wenige Busstationen entfernt. Selbst für unsere Kinder schien gesorgt: Gutenberg-Gymnasium und Hebbelschule – nur einen Steinwurf entfernt. Doch der Teufel steckte im Detail: Als wir erfuhren, dass die Hebbelschule eine zweistellige Warteliste für Betreuungsplätze der Grundschulkinder hat und diese ansonsten um 11.30 Uhr ohne Mittagessen quasi auf der Straße stehen, da wussten wir, dass wir ein Problem haben. Dieser Gruß aus dem Wiesbaden der fünfziger Jahre hätte einem von uns beiden den Job gekostet, oder ein hübsches Sümmchen für eine der Wiesbadener Privatschulen. Letztendlich kostete es uns den kompletten Wohnsitz und wir tauschten die Vierzimmerwohnung, Altbau, Stuck, 24 Buslinien, 3 S-Bahn-Verbindungen und ICE-Anschluss gegen ein Haus in Eschenhahn. Hier gibt es – und das war durchaus entscheidend für die Ortswahl – immerhin eine Buslinie, mit der man wahlweise nach Wiesbaden oder Idstein gelangt. Und es gibt eine Kita ohne Wartelisten und – in Idstein – eine Grundschule mit Nachmittagsbetreuung.

Hier wohnen wir nun, gemeinsam mit nicht wenigen anderen Wiesbaden-Exilanten, singen im Chor und lassen keines der zahlreichen Dorffeste aus. Nach drei Jahren wurde mir die Funktion des Kirchenvorstands angeboten, was vielleicht einiges über mich, vor allem jedoch sehr viel über Eschenhahn aussagt.

Anders als von den meisten unserer Nachbardörfer im Untertaunus kann man von Eschenhahn aus mit dem öffentlichen Nahverkehr nach Frankfurt pendeln, was ich als großen Luxus und Ausprägung von Freiheit empfinde, auch wenn ich damit anscheinend einer winzigen Minderheit angehöre. Denn morgens sitze (bisweilen auch: stehe) ich oft als einziger Nicht-Schüler im Linienbus voller Schulkinder und Jugendlicher und lasse mich meist unfreiwillig mit neuestem Gossip über Rihanna, Zara Larsson und Co. updaten. Gegen 18.15 Uhr muss ich mein Büro in Frankfurt-Sachsenhausen verlassen, um zur Tagesschau zu Hause zu sein. Bei Überstunden oder Abendterminen in Frankfurt wird es kompliziert und die Verbindung über Idstein bricht weg, woran auch der jüngste Fahrplanwechsel nichts geändert hat. Über Wiesbaden funktioniert die Verbindung noch, dauert aber wesentlich länger. Bei jeder Abendveranstaltung gehört der Blick auf die Uhr dazu. Denn man sollte möglichst vor 23 Uhr eine Bahn in Frankfurt bestiegen haben, um realistische Chancen zu haben, den Abend im eigenen Bett abschließen zu können. Über Idstein zeigt bahn.de eine Umsteigezeit auf den Bus von zwei Minuten an – hier beweist die Bahn Humor.

Zwei Mal gelang es mir bereits, nachts am Idsteiner Bahnhof zu stranden, zwei Mal wagte ich von dort den Fußweg nach Eschenhahn aus einer Mischung aus Selbstbestrafung, Geiz und Abenteuerlust über die B275. Das eine Mal erreichte ich mein Ziel tatsächlich auf diese Weise, das andere Mal wurde ich aus Mitleid von einem PKW mitgenommen.

Die B275 ist überhaupt ein schwieriges Thema in Eschenhahn: Sie trennt das Dorf nicht nur in „Ober- und Unterstadt“, sondern auch in Befürworter und Gegner. Letztere konnten in jahrelangem Ringen eine Umgehungsstraße durchsetzen, um den Straßenlärm vor allem des Güter-Durchgangsverkehrs aus dem Ort zu verbannen, während die Befürworter fürchten, dass der Ort mit der Umgehung abgehängt wird und sowohl Bäcker als auch Buslinien der Vergangenheit angehören könnten. Dabei werden in Zukunft tendenziell eher noch mehr Schulkinder auf Eschenhahns Straßen zu sehen sein. Denn Eschenhahn gilt als familienfreundlich: Die örtliche Kita, die auch Kinder aus den Nachbardörfern aufnimmt, soll durch einen Anbau weiter vergrößert werden. Wie der dadurch weiter zunehmende Verkehr mit Umgehungsstraße aber ohne abgestimmte Nahverkehrslösungen aufgefangen werden soll, ist mir ein Rätsel. Aber auch damit steht Eschenhahn sicher stellvertretend für die ganze Rhein-Main-Region.