28.10.2019 | Mobilität, Stadtentwicklung

„Menschen scheren sich nicht um Grenzen“

Almut Weber
Autor:
  • Almut Weber
  • Projektmanager PERFORM
Eva Kreienkamp: (c) Mainzer Stadtwerke AG

Eine ständig zunehmende Bevölkerungszahl stellt zunehmend höhere Ansprüche an die Mobilität und deren begrenzte Kapazitäten. Mit dem Mobilitätskonzept „Mainzer Mobilität 2030“ hat die Geschäftsführerin der Mainzer Verkehrsgesellschaft mbH (MVG) Eva Kreienkamp bereits viel erreicht. Und sie hat noch einiges vor.

Perform: Wie stellt sich die „Mainzer Mobilität“ das Verkehrskonzept der Zukunft vor?

Eva Kreienkamp: Unser Konzept kann man sich als partizipativen Prozess vorstellen, der in vier Dimensionen angelegt ist: Die Mitarbeiterdimension untersucht, wer überhaupt am Mobilitätsangebot beteiligt ist. Neben den bekannten Verkehrsträgern Bus und Bahn werden hier beispielsweise auch angrenzende Angebote wie Carsharing, Taxi und Fahrradvermietung mit in die Überlegungen einbezogen. Hinzu kommt die Nutzerdimension: Nicht der Anbieter bestimmt, welche Mobilitätsformen genutzt werden, sondern der Kunde entscheidet, welche Strecken, Uhrzeiten und Transportmittel er bevorzugt. Drittens stellt der Betriebshof eine eigenständige Dimension dar. Der Betriebshof der Zukunft ist eine vernetzte Internet-of-Things-Einheit, bei dem Einsatzzeiten, Wartungsintervalle und Auslastungen über Sensoren rechnergestützt gesteuert werden können. Und viertens sollen künftig über eine Informations- und Technologieplattform alle Daten zentral gesammelt und vielfältig nutzbar gemacht werden. Dies verhilft zu mehr Effizienz und ermöglicht beispielswiese auch die Einbindung von Cross-Selling-Angeboten.

Während andere Städte ihre Straßenbahnnetze abschafften, setzt Mainz verstärkt auf die Schiene. Ist das das Verkehrsmittel der Zukunft?

Eva Kreienkamp: Mobilität in Metropolregionen muss man sich als magisches Dreieck vorstellen: Einerseits stoßen die Städte durch starkes Bevölkerungswachstum immer mehr an ihre Kapazitätsgrenze. Zweitens müssen die Emissionswerte im Auge behalten werden und drittens ist die Wirtschaftlichkeit zu berücksichtigen: Bei allen drei Punkten liegen die Vorteile der Straßenbahn klar auf der Hand: Sie ist auf der Strecke emissionsfrei, moderne Triebwagen sind zudem erheblich leiser als Busse, sie können gerade in Stoßzeiten wesentlich mehr Menschen aufnehmen und schließlich halten sie auch länger. Während ein Bus nach 15 Jahren ausgetauscht werden muss, können Straßenbahnen locker 40 Jahre oder länger betrieben werden. Neben solchen ökonomischen Erwägungen gibt es aber auch weitere Gründe, die für die Straßenbahn sprechen: Sie verfügt über ein höheres Sozialprestige. Es gibt Untersuchungen, wonach Menschen, die den Bus meiden, eher in eine Tram steigen würden.

Die Mainzelbahn hat alle Prognosen übertroffen. Die geplante Citybahn nach Wiesbaden scheint es jedoch schwerer zu haben. Woran liegt das?

Eva Kreienkamp: Die Mainzelbahn wurde 2016 so wie geplant in Betrieb genommen und erfreut sich seitdem einer wachsenden Fahrgastzahl. Während die Straßenbahn in Mainz zum gewohnten Stadtbild gehört, müssen in Wiesbaden, wo die letzte Tram 1955 von der Schiene genommen wurde, Politik und Bevölkerung noch an die Bahn herangeführt werden. Zudem sind hier die Eigenheiten der verschiedenen Städte und Bundesländer stärker zu spüren. Hier bedarf es noch viel kommunikativer Energie, um die beiden Städte Mainz und Wiesbaden auch über die Schiene zusammenwachsen zu lassen.

Die Mainzer Mobilität verbindet nicht nur Rheinland-Pfalz mit Hessen, sondern auch Chemiestandorte mit ländlichen Weinbauregionen. Welche Herausforderungen ergeben sich aus diesen Gegensätzen?

Eva Kreienkamp: In den an Mainz angrenzenden Landkreisen ist eine zunehmende Offenheit für Verkehrsthemen zu spüren. Die Gemeinden spüren: Menschen scheren sich nicht mehr um Gemeinde- oder Landesgrenzen. Sie wollen eine Form von Grenzenlosigkeit erleben, die die Metropolregion FrankfurtRheinMain bietet. In vielen Mainzer Familien gibt es jene, die nach Norden pendeln, während der Beruf des anderen in den Süden führt: Und in der Mitte wird gelebt. Die Metropolregion bietet Platz für alle Lebensentwürfe. Auch die Umlandgemeinden wollen nicht länger als Schlafstätte gelten, sondern selbst ein lebendiges und attraktives Umfeld bieten. Das stellt eine große Herausforderung für ein modernes Mobilitätskonzept dar, der wir uns stellen möchten.

Sie waren in führender Position bei einem Versicherungsunternehmen tätig, bevor Sie mit dem Hamburg-Köln-Express die Schiene für sich entdeckt haben und zuletzt bei der MVG gelandet sind. Wie kam es zu diesem Schwenk?

Eva Kreienkamp: Nicht nur das, zwischendurch war ich ja auch noch als Beraterin für Gender Diversity tätig, so dass ich letzten Endes auf drei ganz verschiedene Karrieren zurückblicken kann. Das war natürlich nicht von Anfang an geplant, sondern ich habe stets geschaut: Was hat das Leben im Angebot? Zudem wollte ich unterschiedliche Städte erleben. Auch habe ich stets die Herausforderung in Veränderungsprozessen gesucht und freue mich, mittlerweile hier in Mainz bei der MVG eine sehr spannende Aufgabe gefunden zu haben, bei der ich eigene Ideen einbringen und gestalterisch umsetzen kann.

Die Diplom-Mathematikerin Eva Kreienkamp (56) begann ihre Karriere bei einem IT-Start-up in Erding und war von 1991 bis 2011 bei der Allianz Versicherungs-AG als Projektmanagerin und Geschäftsführerin in der Konzernzentrale in München tätig, bevor sie in Berlin ein eigenes Beratungsunternehmen für Gender Diversity aufbaute. Schließlich leitete sie fünf Jahre lang das private Schienenverkehrsunternehmen Hamburg-Köln-Express GmbH, bevor sie 2015 Geschäftsführerin der Mainzer Verkehrsgesellschaft (MVG) wurde. In dieser Funktion verantwortet sie das innovative Verkehrskonzept „Mainzer Mobilität 2030“.