02.06.2020 | Mobilität, Digitaler Strukturwandel

„Die Rhein-Main-Region ist in einer guten Ausgangsposition für den Strukturwandel“

Almut Weber
Autor:
  • Almut Weber
  • Projektmanager PERFORM

Gemeinsam mit seinem Forschungskollegen Dr. Moneim Issa stellte der Politik- und Wirtschaftswissenschaftler Dr. Rolf Bergs im März dieses Jahres die Studie „Weniger Pendelverkehr und Klimaschutz: Eine Schätzübung für die Region Frankfurt/Rhein-Main“ vor. Darin geht er von einer maximal realisierbaren Reduzierung des Pendlerverkehrs um 20 Prozent aus, was zu einer CO2-Reduzierung von knapp 0,5 Prozent führen würde. Gleichzeitig führte die Corona-Krise und der damit verbundene Lockdown von Wirtschaft und Gesellschaft zu einem Szenario, das die akademische Schätzübung plötzlich in Realität verwandelte.

Inwieweit hat der Lockdown Ihre Prognosen getroffen, widerlegt oder sogar übertroffen?

Dr. Rolf Bergs: Die Prognosen decken sich durchaus mit der Realität. Man darf aber nicht vergessen, dass die Reduzierung der Präsenzarbeit aus einem durchaus unerwünschten Grund herbeigeführt wurde. In dem reduzierten Bereich sind ja nicht nur die Tele-Arbeitsplätze enthalten, sondern auch jene, die durch Kurzarbeit oder sogar Verlust ihres Arbeitsplatzes gezwungen sind, zu Hause zu bleiben. Konzentriert man sich jedoch auf die im Home Office Beschäftigten, lässt sich hier ein Trend erkennen, den wir Tele-Workability nennen. Das ist eine Kennziffer, mit der man feststellen kann, inwieweit bestimmte Branchen und die durch sie geprägten Regionen fähig sind, durch Telearbeit ohne Leistungsabstriche weiterzubestehen.

In der Studie zitieren Sie Jeremy Rifkin mit der Aussage, dass ein weltweiter Trend zu weniger Pendeln zu beobachten ist. Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle?

Dr. Rolf Bergs: Arbeit kann durch andere Faktoren wie Kapital oder Technologie ersetzt werden. Der große Ökonom Keynes hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts prognostiziert, dass bereits eine 15-Stunden-Woche ausreichen werde, um gesamtgesellschaftliche Wohlfahrtsgewinne zu erzielen. Heute finden sich solche Überlegungen in Diskussionen wie dem „Bedingungslosen Grundeinkommen“ wieder. Wir müssen den Begriff „Arbeit“ vollkommen neu definieren. Arbeit ist auch ein Kulturzweck. Die Technologie macht Berufe wie etwa den Schriftsetzer überflüssig. Auf der anderen Seite entstehen Jobs, die keinen Mehrwert zur Gesellschaft beitragen, ja sogar Schaden zufügen können, wie es der Autor David Graeber in seinem Buch „Bullshit Jobs“ beschrieben hat. All das trägt zu diesem Trend bei.  

Sie beschreiben in der Studie „die Pendlerfrequenz im Vergleich zu anderen Regionen in Deutschland als überdurchschnittlich hoch“. Könnte die Corona-Krise bewirken, dass FrankfurtRheinMain zu einer Modellregion für andere wird?

Dr. Rolf Bergs: Tatsächlich konnten wir für den Regierungsbezirk-Darmstadt, in dem der hessische Teil der Metropolregion FrankfurtRheinMain liegt, einen bemerkenswerten statistischen Unterschied zur restlichen Bundesrepublik feststellen. Anhand von Satellitenbildern konnte man sehen, dass durch Corona schädliche Emissionen wie CO2 und NOX im Regierungsbezirk Darmstadt bis zu 60 Prozent zurückgegangen sind, während der Rückgang im übrigen Bundesgebiet lediglich 17 bis 20 Prozent betrug. Daraus kann man schließen, dass die Rhein-Main-Region ein Dienstleistungszentrum mit hoher Tele-Workability ist, die dadurch vergleichsweise resilient gegen Covid-19 ist. Etwa 40 Prozent der hiesigen Arbeitsplätze betrachten wir als tele-arbeitsfähig. Am Audi-Standort Ingolstadt sind es beispielsweise nur 30 Prozent.

In Ihrer Studie beschreiben Sie mit Verweis auf Rifkin einen Trend zu zunehmendem sozialen Reichtum. Impliziert dieser eine Zunahme der Mobilität?

Dr. Rolf Bergs: Die gewonnenen Freiheiten führen natürlich zu höherer Mobilität, etwa wenn Sport- oder Kulturveranstaltungen aufgesucht werden. Das sind Rebound-Effekte, die die den Rückgang durch Tele-Arbeit wieder etwas relativieren, jedoch nicht gänzlich zunichtemachen. Der Effekt der gerade für unsere Region wichtigen Tele-Arbeit ist durch die Corona-Krise von den Arbeitgebern gelernt und wird auch nach Corona zum Teil bestehen bleiben, etwa indem bestimmte Wochentage für die Tele-Arbeit reserviert werden. Die damit verbundenen rechtlichen Rahmenbedingungen werden künftig auch von Seiten der Politik und Gewerkschaften diskutiert werden müssen.

Ist die Metropolregion Frankfurt RheinMain auf den digitalen Strukturwandel vorbreitet?

Dr. Rolf Bergs: Die Metropolregion FrankfurtRheinMain ist durch die Wissensgesellschaft geprägt, was man an der hohen Dichte an Universitäten und Hochschulen in dieser Region sieht. Das ist schon mal eine gute Ausgangsposition für den digitalen Strukturwandel, denn die Wissensgesellschaft ist eine wichtige Voraussetzung für die Steigerung der Wohlfahrt. An der Corona-Krise sieht man, dass unsere Region die Voraussetzungen dazu geschaffen hat,  gesellschaftliche Entwicklung nachhaltig zu gestalten.

Der Politologe und Ökonom Dr. Rolf Bergs (59) betreibt Auftragsforschung für die Europäische Kommission, deutsche Landesministerien oder Ministerien im EU-Ausland: vor allem Evaluation von Regionalförderprogrammen, ländlichen Entwicklungsprogrammen oder grenzüberschreitenden Kooperationsprogrammen. Zu seinen Schwerpunkten gehören die empirische Forschung in den Bereichen EU-Regionalpolitik und Marktintegration und räumliche Ökonomie auf Basis kleinräumiger Datensätze und Nachtsatellitenbilder unter Nutzung multivariater sowie raumökonometrischer Verfahren.