10.06.2020 | Mobilität, Digitaler Strukturwandel

„Die Chancen von Open Data müssen stärker genutzt werden“

Almut Weber
Autor:
  • Almut Weber
  • Projektmanager PERFORM

Der Bauingenieur Volker Blees ist seit 2014 Professor für Verkehrswesen im Fachbereich Architektur und Bauingenieurwesen an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden. Dort gestaltet er das 2018 gegründete Projekt „IMPACT RheinMain“ mit dem Ziel, innovative Transferprojekte mit Kooperationspartnern aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft zu initiieren und umzusetzen. Fokusthemen des Projekts sind Smart Energy, Smart Home und Smart Mobility. 

Perform: Sie haben in Darmstadt studiert, promoviert und gearbeitet. Heute lehren und forschen Sie in Wiesbaden. Sie leben also seit 30 Jahren mitten in Ihrem Forschungsgebiet, dem Verkehrsraum der Metropolregion FrankfurtRheinMain. Wie hat sich der Verkehr in der Region seitdem geändert und wohin steuert sie?

Prof. Dr. Volker Blees: Entgegen der allgemeinen Wahrnehmung – und bei Herausrechnung des Durchgangsverkehrs – ist der Autoverkehr in der Metropolregion FrankfurtRheinMain etwa seit 2000 nur noch moderat angestiegen. Nach Jahrzehnten der Verkehrszunahme ist also eine gewisse Sättigung eingetreten. Der 1995 gegründete Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) trifft hingegen auf eine stetig steigende Akzeptanz. Straßen und Schienen sind heute hoch ausgelastet, und insbesondere auf der Schiene ist der Ausbaubedarf hoch.

Sie haben in einer Untersuchung festgestellt, dass durch die Corona-Krise etwa 30 Prozent des Verkehrs weggefallen ist: etwa der Besuch von Konzerten, Restaurants oder Sportveranstaltungen. Eröffnet uns Corona dadurch eine einzigartige Möglichkeit, Lehren daraus zu ziehen?

Prof. Dr. Volker Blees: Zunächst einmal ist die Ursache dieses Rückgangs eine von niemandem gewollte und wir können schon jetzt wieder eine gewisse Normalisierung des Verkehrs beobachten. Die Corona-Krise hat uns aber gezeigt, wie die Straßen aussehen, wenn der Verkehr um nur 30 Prozent reduziert ist, und dass schon ein moderater Rückgang des Verkehrsvolumens zu deutlich angenehmeren Erlebnissen bei den Nutzern führt. Der große Gewinner der Corona-Krise ist indessen das Fahrrad: Die Leute sind häufiger zu Hause und wollen sich mehr in ihrem Wohnumfeld bewegen. Gleichzeitig nehmen sie wahr, dass sie sich mit dem Rad dank des geringeren Autoverkehrs angenehmer und vor allem gefahrloser auf den Straßen bewegen können. Die Fahrradbranche kommt mit den Bestellungen kaum noch hinterher.

Viele Wege könnten durch die Corona-Krise dauerhaft wegfallen, da sie durch digitale Lösungen wie Home Office ersetzt werden können. Muss jetzt die digitale Wende einsetzen?

Prof. Dr. Volker Blees: Die Corona-Krise hat zweifellos einen Digitalisierungsschub bewirkt, andererseits aber auch an manchen Stellen die Grenzen aufgezeigt. Der bedeutsamste Effekt besteht vor allem darin, dass die Menschen plötzlich gezwungen waren, digitale Lösungen zu testen und sich mit der Technik auseinanderzusetzen. Diese digitalen Erfahrungen kann man ihnen nicht mehr wegnehmen. Möglicherweise erleben künftig auch eine verstärkte Nutzung digitaler Mobilität, wie z.B. Carsharing oder Bikesharing: Die Zugangsschwelle zu digital vermittelten Angeboten ist durch Corona deutlich gesenkt worden.

Die Stadt Darmstadt stellt Daten des Kfz-Verkehrs, der mit Induktionsschleifen an Straßenkreuzungen erfasst werden, frei zur Verfügung – nach Ihrer Aussage ist das nahezu einzigartig in Deutschland. Wenn Deutschland ein Autoland ist, was ja erst recht für die Metropolregion FrankfurtRheinMain gilt, warum ist der Individualverkehr dann nicht viel besser erforscht?

Prof. Dr. Volker Blees: Gestatten Sie vorweg die Bemerkung: wer Deutschland als Autoland bezeichnet, negiert, dass bundesweit 22 Prozent der Haushalte – in Frankfurt am Main sogar fast die Hälfte – kein Auto besitzen. Doch zurück zur Frage der unzureichenden Datenbasis: Das liegt vor allem an einer fehlenden Kultur, Daten öffentlich zur Verfügung zu stellen. Bei der Erfassung von Verkehrsströmen geht es ja um Daten, die per se nicht schutzwürdig sind. Im Gegenteil, der Steuerzahler hat deren Erfassung bereits finanziert und kann auch eine umfangreichere Nutzung der Daten erwarten. In den USA und Skandinavien ist man hier bereits viel weiter. Digitalisierung besteht ja nicht nur darin, Hardware technologisch weiterzuentwickeln und Programme zu verbessern, sondern auch vorhandene Daten neu und intelligent zu nutzen. Open Data kann vielfältige Möglichkeiten eröffnen, wie wir am Beispiel der USA sehen können: dort kooperieren Anbieter von E-Scootern mit den Behörden. Diese können anhand der Daten sehen, wo sich besonders viele Roller bewegen, und daraus z.B. Rückschlüsse für die Verbesserung des ÖPNV ziehen.

Die Hochschule RheinMain gilt in Hessen als führend in der Verkehrsforschung. Wünschen Sie sich manchmal eine höhere Akzeptanz dieses Forschungsgebietes in Politik und Wirtschaft?

Prof. Dr. Volker Blees: Unsere Hochschularbeit umfasst neben Lehre und Forschung auch den Transfer, also den ständigen Austausch von Forschung und Zivilgesellschaft. Wir leben in einer Laien-Demokratie, ein Prinzip, das ich sehr schätze und respektiere. Diese Laien-Demokratie ist, besonders auf kommunaler Ebene, auf den Input und die Unterstützung von Fachpersonen angewiesen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert mit dem Projekt „IMPACT RheinMain“ seit 2018 eine Plattform für Wissenstransfer, die von beiden Seiten schon gut angenommen wird. Weitere Steigerungen sind möglich.  

Der Bauingenieur Volker Blees (52) ist seit 2014 Professor für Verkehrswesen an der Hochschule RheinMain und ist dort Initiator des Bachelor-Studiengangs "Mobilitätsmanagement". Nach dem Studium des Bauingenieurwesens an der TH Darmstadt war er zunächst in verschiedenen Planungs- und Beratungsbüros tätig, bevor er 2005 ein eigenes Büro mit dem programmatischen Titel "Verkehrslösungen" gründete, in dem er Kommunen, Mobilitätsdienstleister und Verkehrserzeuger u.a. mit Mobilitätsmanagementprojekten und nachhaltigen Verkehrskonzepten unterstützte.